Heiß! Das braucht man aktuell niemanden erklären, dass wir mit extremeren Wetterereignisen zu tun haben, aber Achtung, das ist noch nicht die Klimaerwärmung!
Aber die Hitze passte gut zu der gestrigen ÖGNI-Veranstaltung, die ich wieder moderieren durfte. Warum? Es ging um den Auftritt von SHIFT, einer internationalen Initiative, die unser Bauen radikal neu denken will. SHIFT ist Partner der ÖGNI, vermittelt über die deutsche Schwesterorganisation DGNB. Deren geschäftsführender Vorstand Christine Lemaitre hat die Initiative gemeinsam mit Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie an der TU München, ins Leben gerufen.
Bauen wir noch die richtigen Gebäude?
SHIFT steht für „Southern Heritage and Insights for Transformation“ und wurde vor rund anderthalb Jahren in Paris gegründet. Die Kernthese: Die Bauwelt hat sich weltweit an einem Bild von Modernität orientiert, das aus Glas, Stahl und Beton besteht und praktisch nur mit Vollklimatisierung funktioniert. Dieses Bild wird exportiert, ohne Rücksicht auf Klima, Kultur oder lokale Ressourcen, und ist längst nicht mehr zukunftsfähig.
Christine Lemaitre zeigte das eindrücklich am Beispiel des Bosco Verticale in Mailand: gefeiert als grünes Vorzeigeprojekt, tatsächlich aber mit hohem Betonaufwand, kaum Mehrwert für die Biodiversität und einem enormen Pflegeaufwand verbunden.
Ihre These: Länder des globalen Südens bauen seit Jahrhunderten mit Hitze, Rohstoffknappheit und großen Temperaturunterschieden und haben dafür Lösungen entwickelt, die wir in Europa gerade neu lernen müssen.
Querlüftung und Deckenventilatoren statt Vollklimatisierung, regionale Materialien statt globaler Lieferketten, robuste Gebäude mit hundertjähriger Nutzungsdauer statt kurzlebiger Technik.
Fünf Erfolgsprinzipien
Aus der Gründungsdiskussion in Paris sind fünf Prinzipien entstanden, an denen sich Projekte messen lassen sollen: Abkehr von One-Fits-All-Architektur, verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen, kein rein kurzfristiges Gewinndenken, Mobilität jenseits des Autos und echte soziale Verantwortung gegenüber allen Menschen im gebauten Raum, auch gegenüber Obdachlosen und Randgruppen.
Konkret arbeitet SHIFT an drei Schwerpunkten. Erstens werden jährlich gute Praxisbeispiele weltweit gesammelt und sichtbar gemacht, der Aufruf für 2027 läuft bereits. Zweitens entsteht ein Universitätsnetzwerk, das erste Kooperationsprojekt zwischen der TU München und der ETH Zürich ist bereits abgeschlossen. Drittens will SHIFT auf politischer Ebene wirken, gerade in Ländern des globalen Südens, die ihre Bauregulatorik gerade erst aufbauen und dabei im Idealfall gleich die richtigen Weichen stellen sollen, statt europäische Standards wie Passivhaus unreflektiert zu übernehmen.
Hitze – auch in Indien…
Lemaitre berichtete auch von aktuellen SHIFT-Stationen: In Bangalore und Mysuru, unter anderem beim indischen Solar Decathlon, zeigte sich, wie präsent das Hitzethema für junge Architekturschaffende bereits ist, gleichzeitig aber auch, wie sehr selbst dort in Fachkreisen wieder nach Daten und Belegen für Low-Tech-Lösungen gefragt wird. Daraus entsteht nun ein Projekt, das Kennzahlen aus 30 bis 40 guten indischen Gebäuden sammelt. In Barcelona ging es beim internationalen Architektenkongress UIA vor allem um Begrünung und Klimaanpassung im öffentlichen Raum, trotz anhaltender Dürre in Spanien.
24-Stunden-Konferenz und viel mehr
Für die kommenden Monate plant SHIFT ein Online-Trainingsmodul für Architekturbüros, eine 24-Stunden-Konferenz im kommenden Frühjahr rund um den Globus, eine Wissensausstellung zum Thema Klimatisierung mit Thomas Auer in der Pinakothek der Moderne in München, einen internationalen Runden Tisch zum Thema Lehmbau sowie eine Pilotphase namens SHIFT Resilienz, in der Low-Tech-Lösungen an Schulgebäuden getestet werden sollen. Genau dafür sucht die Initiative auch Partnerschulen in Österreich.
Mitmachen
Die Diskussion, die im Anschluss mit Andrea Rieger-Jandl (Leiterin des Masterlehrgangs Architektur Green Building an der FH Campus Wien), Daniel Fügenschuh (Präsident des Architects‘ Council of Europe) und dem in Wien tätigen ghanaischen Architekten Abdul Rauf Isahak geführt wurde, hat gezeigt: Das Thema ist in der europäischen und österreichischen Architekturausbildung zwar angekommen, bleibt aber noch ein Randthema.
Wer mehr erfahren oder sich als Büro, Universität oder Schule beteiligen möchte, findet alle Informationen unter shift.global.